Kurzgeschichten für und gegen graue Herbsttage
 



Kurzgeschichten für und gegen graue Herbsttage
  Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Letztes Feedback
   19.10.14 23:40
    Wie wärs mit paar fitnes
   19.10.14 23:41
    Ach ja verdammt schöne t
   20.10.14 08:49
    Vielen Dank!

http://myblog.de/absatz

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Der Tag, an dem das Bushaltestellenhäuschen blau gestrichen wurde

Seit ich denken konnte, war das Bushaltestellenhäuschen, das unserem Haus direkt gegenüber stand, rot. Niemals hatte jemand gefragt, warum das so ist. Es war eine Gegebenheit, eine Selbstverständlichkeit, es bedurfte keinerlei Erläuterung. Umso schockierender war es für mich, was ich heute beobachten musste: Ein älterer Herr machte sich an die Arbeit und strich das rote Bushaltestellenhäuschen dunkelblau. Zunächst achtete ich nicht weiter darauf, da mir nicht klar war, was das werden sollte. Doch einige Stunden später, als ich meinen Großeinkauf auf meinen Armen balancierend ins Haus bugsierte, war der Streicher immer noch da und ging hingebungsvoll seiner Arbeit nach. Nun wurde ich stutzig. Was trieb ihn plötzlich dazu, das Häuschen, das schon immer rot gewesen war, einfach blau zu streichen? Eine Anordnung von oben? Oder ein persönlicher Wunsch nach Veränderung? So oder so, es stellte einen Störfaktor für mich dar, eine Bedrohung geradezu. Und so saß ich am Fenster, löffelte aus Frust Schokoladeneis direkt aus der Packung und beobachtete den Mann, der meinen inneren Frieden störte. Ironischerweise lief gerade "Every breath you take" im Radio und so ging ich peinlich berührt meinen Pflichten nach, anstatt weiterhin aus dem Fenster zu gaffen wie ein besessener Stalker. Dennoch warf ich jedes Mal einen Blick auf das Geschehen, wenn ich an besagtem Fenster vorbeilief. Es ließ mir einfach keine Ruhe. Schließlich entschloss ich mich dazu, den Übeltäter zur Rede zu stellen. Ich trat aus der Haustür, überquerte schnellen Schrittes die Straße und setzte, nicht ganz so selbstsicher wie geplant, an: "Äh ... hallo! Was machen Sie da?" Ich verpasste mir im Geiste eine Backpfeife für diesen eher schwachen Auftritt. Der Mann jedoch überhörte meine Frage, ob beabsichtigt oder durch Schwerhörigkeit verursacht, vermochte ich nicht zu sagen. "Ich will Sie gar nicht bei Ihrer Arbeit stören," – wollte ich doch – "aber ich frage mich, warum Sie das Haus hier blau streichen. Es war doch immer rot", versuchte ich es nochmal. Der Herr bedachte mich mit einem Blick, als stelle er meine geistige Gesundheit infrage. Ich sah ihm noch eine Weile zu, wie er immer wieder den Pinsel in die blaue Farbe tauchte und sorgfältig strich, keinen einzigen Fleck auslassend. Schließlich gab ich es auf und kehrte ins Haus zurück. Wahrscheinlich war der Grund für die Umlackierung gar nicht so spektakulär, wie ich es mir vorstellte. Und selbst wenn es so war und der Mann womöglich Teil einer Verschwörung war, was ging es mich an? Und noch viel wichtiger: Warum sollte ich etwas dagegen tun? Manchmal musste man die Dinge wohl einfach geschehen lassen. Ich sah mir nochmal das Bushaltestellenhäuschen an. Blau sah irgendwie schon ästhetischer aus als rot, gestand ich mir ein.
19.10.14 23:29
 
Letzte Einträge: Hguojpegjwuhdlsöklaüfhpwg, "Ich denke nicht." , Jerome, Vom Altwerden, Feuer


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung