Kurzgeschichten für und gegen graue Herbsttage
 



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Absatz

7 Uhr morgens. Warum zum Henker war ich an einem Samstag zu dieser Zeit schon wach? Es kam mir vor, als hätte ich vor fünf Minuten erst das Land der Träume aufgesucht. Half alles nichts, schlafen konnte ich ohnehin nicht mehr. Die Zigaretten sprangen mir sofort ins Auge, als ich zum Schreibtisch blickte, als hätten sie nur darauf gewartet, dass ich aufwache, um mir endlich eine anzustecken. Ich zog mir den flauschigen - und zu meiner Schande pinken - Bademantel über und ging mit Kippen und Feuerzeug auf den Balkon. Es war angenehm frisch draußen, ich liebte die Kälte. Die erste Zigarette an diesem Morgen war angezündet und ich nahm genüsslich einen Zug und lehnte mich dabei lässig an den Türrahmen - zumindest hoffte ich, dass es lässig aussehen würde. Die Zigarette schmeckte an diesem Morgen anders als sonst. Sie war mir zu bitter. Mit dir zusammen hätte sie besser geschmeckt. Ja, ohne dich hätte ich wohl nie mit dem Rauchen angefangen, du Lausebub. Ich schmunzelte ein bisschen und nahm nochmals einen Zug, in der Hoffnung, es würde diesmal besser schmecken. Tat es nicht. Ich gab auf und drückte die Zigarette aus. So gesehen hatte das Ganze vielleicht sogar etwas Gutes an sich: Ich würde das Risiko nicht aktiv erhöhen, Lungenkrebs zu bekommen. Oh oh, Linn, der Zynismus steht dir nicht, so kenne ich dich ja gar nicht, versuchte mein vernünftiges Ich mich zu ermahnen. "Halt's Maul", murmelte ich. Auf meiner Stirn hatte sich unwillkürlich wieder eine Falte zwischen den Augenbrauen breitgemacht. Immer, wenn ich wütend war, und manchmal auch, wenn ich nur nachdachte, erschien sie, und wenn du sie bemerktest, machtest du Scherze darüber, wie ernst ich plötzlich aussehe, dass passe so gar nicht zu mir. Ich versuchte stets, meine Autorität zu wahren und blickte weiter finster drein, doch du versuchtest so lange, mich zum Lachen zu bringen, bis ich schließlich nicht anders konnte und nachgab. Dann entspannte sich meine Stirn wieder und statt der Falte zwischen den Augenbrauen zeigten sich kleine Lachfältchen um meine Augen herum. Ich glaube, diese Eigenschaft liebte ich am meisten an dir. Du wusstest immer, wie du mich zum Lachen bringen konntest, dein Humor war unschlagbar, phänomenal, ein Unikat. So wie alles, was du tatest. Ja, du warst wunderbar. Ich ging in die Küche und setzte Kaffee auf, eine ganze Kanne. Eigentlich zu viel für eine Person, aber meine Mutter hatte mich gelehrt, dass man immer frischen Kaffee parat haben sollte, weil man ja nie wissen könne, wer vielleicht einmal vor der Tür steht.  Mit einer vollen Tasse ließ ich mich an dem kleinen runden Tisch nieder. Die Küchenuhr tickte laut, viel zu laut. Das einzige Geräusch in meiner kleinen Wohnung. Ich schloss die Augen und stellte mir vor, dass ich andere Geräusche vernehmen würde, Geräusche, die mir signalisierten, dass noch jemand, dass du hier warst, die Klospülung zum Beispiel, so unromantisch das auch klingen mag. Du hattest die Wohnung zu einem Zuhause für mich gemacht. Jetzt war sie nicht mehr als ein Unterschlupf, wie eine Jugendherberge, aus der man am liebsten so schnell wie möglich verschwinden würde, sich aber damit abfand, dass sie momentan das einzige Dach über'm Kopf sein würde. Als es plötzlich an der Tür klingelte, sprang ich auf. Natürlich wusste ich, dass du nicht einfach so mit einer Tüte Brötchen vor der Tür stehen würdest, wie du es damals so oft getan hattest. Trotzdem keimte immer wieder ein wenig Hoffnung auf, wenn die Türklingel sich zu Wort meldete. Mit der bisher unberührten Kaffeetasse in der Hand öffnete ich die Haustür. Nein, es warst nicht du, der dort stand, was hätte ich anderes erwarten sollen. Es war nur der Postbote, der ein Paket für meine Nachbarin abzugeben hatte. Die alte Trantüte schlief bestimmt noch, weil sie wieder die ganze Nacht mit ihrem geheimnisvollen Liebhaber zugange gewesen war, dachte ich. Die Wände waren leider nicht sehr dick, da kam man sich manchmal schon etwas bedauernswert vor, wenn man im zarten Alter von 29 Jahren die Nächte allein und frustriert verbringen musste, während sich die 60-jährige Nachbarin mindestens viermal die Woche ordentlich durchbürsten ließ. Ich musste an Sex mit dir denken. Du wusstest ganz genau, wie du mich anfassen musstest, das gefiel mir. Ich überließ dir gern die Führung. Nachdem der Postbote das Paket abgeliefert hatte, wollte er weiterflitzen, doch ich hielt ihn zurück. "Möchten Sie vielleicht eine Tasse Kaffee für den Weg? Es ist kalt draußen und Sie sehen aus, als könnten Sie etwas Energie vertragen. Die Tasse können sie ruhig behalten, ich hab noch zig andere im Schrank." Verwundert schaute mich der Postbote an, dann lächelte er breit. "Eine ungewöhnliche Geste, aber eine sehr schöne, vielen Dank!", sagte er, nahm die Kaffeetasse entgegen, als sei es ein Orden für besondere Verdienste, und zog von dannen. Von den viele Sachen, die ich von dir über das Glücklichsein gelernt hatte, war dies die Wichtigste: Versuch jeden Tag aufs Neue, offen auf Menschen zuzugehen und ihnen eine Freude zu machen. Indem man andere glücklich macht, macht man sich selbst auch ein Stück glücklicher. Und als ich mir all das so durch den Kopf gehen ließ, dass Zigaretten ohne dich nicht schmecken, dass dein Humor das Glückselixier schlechthin ist, dass man immer eine frische Kanne Kaffee bereitstehen haben sollte, dass die Wohnung lebendiger wird, wenn die Klospülung von einer weiteren Person betätigt wird, dass die olle Nachbarin mehr Sex hat als ich und dass man mit den Mitteln, die einem zur Verfügung stehen, andere Menschen glücklich machen kann, da merkte ich: Ich muss auf's Klo. Ja, ich vermisste dich sehr. Aber so spielt das Leben, nicht wahr?
19.10.14 23:26
 
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