Kurzgeschichten für und gegen graue Herbsttage
 



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Planlos

„Wo soll’s denn hingehen, junge Dame?“, fragte mich die Frau am Ticketschalter und nahm einen großen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. Es war fünf Uhr morgens und die Müdigkeit war ihr deutlich anzusehen. Ich blickte auf, beim Tagträumen ertappt – besser gesagt Morgenträumen angesichts der Uhrzeit -, ich hatte nicht bemerkt, dass ich die Nächste in der Schlange war. Tja, wo sollte es hingehen? Das wusste ich ja selbst nicht so genau. Daran hatte ich bisher noch keinen Gedanken verschwendet. Für mich stand nur eins fest: Weg von hier. Einfach mal raus, die Freiheit spüren, oder zumindest eine Idee davon bekommen, was Freiheit sein könnte. Ich zögerte kurz. Dann fragte ich: „Wohin fährt der nächste Zug?“ Etwas irritiert tippte die Frau etwas in ihren Computer ein. „Braunschweig“, antwortete sie dann und blickte mich fragend an. Warum nicht?, dachte ich bei mir und nickte. „Eine einfache Fahrt bitte.“ Der Zug sollte in zehn Minuten einfahren. Auf dem Gleis angekommen setzte ich mich auf eine Bank und stellte meinen Rucksack neben mich. Ich hatte nicht viel mitgenommen, nicht einmal mein Handy. Niemand wusste, wo ich war. Wahrscheinlich war das beides nicht gerade klug, aber ich wollte einfach für eine Weile mal nicht erreichbar, nicht greifbar sein. Ich blieb ja nicht ewig weg. Ich wollte mir dieses Mal von niemandem reinreden lassen, was gut oder richtig sei. Und vor allem wollte ich, die sonst immer so durchorganisiert war, dieses Mal keinen Plan haben. Im Zug war es wider Erwarten recht voll. Vermutlich waren die meisten Passagiere Pendler, die auf dem Weg zur Arbeit waren. Ich setzte mich auf den nächstbesten Platz, der frei war, und stöpselte meine Kopfhörer ein. Eine Weile schaute ich nur aus dem Fenster, während der Zug an Feldern und Wiesen vorbeizog, und ich fühlte, wie immer mehr Last von meinen Schultern abfiel mit jedem Kilometer, den der Zug zurücklegte. Erst nach einer Weile sah ich mich im Zug um und nahm die Person wahr, die mir gegenüber saß. Es war ein junger Mann, vermutlich Mitte 20. Er hatte blondes Haar und lange dunkle Wimpern. Eigentlich nicht mein Typ, aber nett anzusehen. Die Augen waren geschlossen, er schien zu dösen. Irgendwie strahlte er etwas Beruhigendes aus. Ich schaute ihn eine Weile an. Schließlich öffnete er verschlafen die Augen, doch ich wandte meinen Blick noch immer nicht ab, wie ich es normalerweise getan hätte. Ich war an diesem Tag nicht ich selbst. Oder vielleicht war ich viel mehr ich selbst, als ich es je gewesen war. Er musterte mich kurz, dann lächelte er mich an. Ich hielt seinem Blick stand und lächelte zurück. Es tönte aus den Lautsprechern „Wir erreichen nun unsere Endstation Braunschweig und bitten alle Passagiere, auszusteigen“, also standen wir auf und gingen zur Tür. Auf dem Bahnsteig drehte er sich zu mir um und blieb stehen. „Hast du auch so großen Hunger wie ich?“, fragte er mich, als würden wir uns schon jahrelang kennen. Ich nickte und als wäre es selbstverständlich, machten wir uns gemeinsam auf den Weg zu einem beliebigen Frühstücksladen. Selbst wenn es nur für einen Tag sein sollte, heute waren wir Weggefährten. Heute waren wir mal frei von allen Zwängen. Wir kannten nicht den Namen des Anderen, aber das war auch nicht wichtig. Wir waren wir selbst.
19.10.14 23:26
 
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