Kurzgeschichten für und gegen graue Herbsttage
 



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Vom Altwerden

Ich blicke dich von der Seite an. Du bist alt geworden. Deine dunkelbraunen Haare sind von grauen durchzogen, es fehlt nicht mehr viel, dann sind sie flächendeckend. Färben willst du sie nicht, das finde ich gut, auch wenn ich selbst zu eitel bin und meine grauen Haare nicht so stolz tragen kann wie du. Auf deinem Gesicht zeichnen sich Falten ab, tiefe Furchen, die deine Gefühlswelt der vergangenen Jahre widerspiegeln und deine Geschichte erzählen. Sorgen- und Lachfalten halten sich die Waage, denke ich zunächst, doch dann entdecke ich erleichtert, dass die Lachfalten überwiegen. Sie stehen dir. Du hast deine Lesebrille aufgesetzt. Und obwohl die Jahre ins Land gezogen sind und man dir das Älterwerden ansieht, versprühst du noch immer etwas Jugendliches. Deine Augen lachen, der Schalk saß dir schon immer Nacken und das tut er auch noch heute. Und ich bin froh, froh darüber, dass dir kein Stock im Allerwertesten steckt wie so vielen anderen in deinem Alter. Froh, dass du dir selbst treu geblieben bist. Froh, dass du trotz aller Tiefen im Leben die Höhen immer zu schätzen gewusst und in den Vordergrund gerückt hast. Viele Menschen werden verbittert – nein, lassen sich vom Leben verbittern. Das könnte dir nicht passieren. Wenn wir zusammen sind, ist es, als würde ein Stück Vergangenheit wieder lebendig. Wir erinnern uns gemeinsam an alle möglichen Erlebnisse, bespaßen uns mit Anekdoten, lassen uns zeitweise auch nachdenklich stimmen durch all die Dinge, an denen wir nichts ändern konnten. Und jedes Mal kommst du zu dem Schluss: "Es war ein schönes Leben, ich bereue nichts." Und dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
19.10.14 23:28


Jerome

Als ich neun Jahre alt war, verbrachte ich den Sommer größtenteils allein. Nicht, dass es mich gestört hätte, schließlich fühlte ich mich unter anderen Menschen nie sonderlich wohl. Aber irgendetwas war anders. Ich befand mich nicht mehr nur in einem Zustand des Alleinseins, nein, es war die pure Einsamkeit. Zunächst fielen mir die Veränderungen gar nicht auf, und wenn sie es doch taten, dann dachte ich mir nichts weiter dabei. Meistens spielte ich im Garten. Es war fast jeden Tag sonnig und heiß. Der Geruch des Sommers erinnerte mich oft an verbrannte Schnecken. Trotz der Hitze trug ich meistens einen Pullover. Ich konnte den Gedanken nicht ausstehen, dass die Sonne direkt auf meine Arme schien, sich geradezu in sie einbrannte. Meine Mutter hatte es irgendwann aufgegeben, mich davon überzeugen zu wollen, es sei zu warm für einen Pullover, selbst wenn sie ihn mir eigenhändig auszog und versteckte, fand ich ihn doch immer wieder oder zog mir einfach einen Neuen über. Jedenfalls war ich also fast den ganzen Tag im Garten. Ich besaß kaum Spielzeug, aber das brauchte ich auch nicht. Einzelne Stöcker, Steine und Ähnliches reichten mir, dann schnitzte ich mir die tollsten, spitzesten Waffen und spielte Ritter oder weiß der Geier was. Die ersten Veränderungen bemerkte ich im Verhalten meiner Mutter. Oft stand sie am Fenster und schaute mir beim Spielen zu, was ich zunächst als ganz normal empfand, doch irgendetwas in ihrem Blick machte mich stutzig. Ich konnte nicht deuten, was es war, denn jedes Mal, wenn ich sie bemerkte und anschaute, mied sie meinen Blick und tat so, als würde sie die Gardinen zurechtzupfen oder Staub wischen. Insgesamt schien sie viel nachdenklicher als sonst, beim gemeinsamen Abendessen starrte sie oft nur in ihre Suppe oder musterte mich mit einem merkwürdigen Blick, eine Mischung aus Besorgnis, Misstrauen und einer winzigen Spur von Angst. Ich löffelte dann meistens brav meine Suppe und schaute neugierig in der Gegend herum, es kümmerte mich kaum, was meine Mutter bedrückte. Manchmal stand ich am Zaun und beobachtete, versteckt im Gebüsch, die Nachbarskinder beim Spielen. Ihr Lachen triefte nur so vor Lebensfreude und Glückseligkeit, ich fand das ganz widerlich. Wenn sie mich bemerkten, schauten sie ganz erschrocken drein und tuschelten, oft hörte ich meinen Namen fallen. "Jerome ist wieder da." Es war mir schon immer schwergefallen, mit anderen Kindern zurechtzukommen, aber früher hatten sie mich, abgesehen von kleinen Sticheleien, noch halbwegs akzeptiert. In diesem Sommer behandelten sie mich jedoch wie einen Sonderling und ich spürte ihr Verachtung mir gegenüber. Ich blieb dann noch eine Weile stehen und starrte sie an, einfach weil es mir Spaß machte, die Angst in ihren Augen zu sehen, dann drehte ich mich um und spielte wieder alleine. Eines Tages kam meine Mutter zu mir, ich hatte ihr den Rücken zugewandt und spürte ihr Zögern, als sie so hinter mir stand. Doch dann sprach sie mich schließlich an: "Jerome ... vermisst du eigentlich nicht Moritz?" Ich horchte auf und drehte mich zu ihr um. "Nein, wieso?" Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach. Moritz war so etwas wie mein bester Freund, wir hatten vor diesem Sommer oft zusammen gespielt, aber irgendwie war der Kontakt abgebrochen, ich hatte ihn auch schon länger nicht mehr gesehen. Aber ich dachte nicht weiter darüber nach, für mich war es keine große Sache. Warum interessierte sich meine Mutter plötzlich dafür? Als ich bemerkte, dass sie kreidebleich geworden war, schob ich noch hinterher: "Moritz war in letzter Zeit sowieso irgendwie total nervig, keine Ahnung, wo der sich überhaupt rumtreibt", und schnitze weiter an einem Stock herum. "Jerome, Moritz ist tot." Ich hielt inne. Ungläubig sah ich meine Mutter an und sah erst jetzt, wie ihr die Tränen über die Wangen liefen. "Seit wann?" Fassungslos schüttelte sie den Kopf. "Kannst du dich denn nicht erinnern? Es ist jetzt zwei Wochen her. Ihr wart zusammen im Wald unterwegs. Bis acht seid ihr nicht nach Hause gekommen, da haben wir euch gesucht. Moritz ist im See ertrunken. Du saßt in der Nähe und hast an Stöckern geschnitzt und..." Plötzlich brach sie ab und starrte auf meine Hand. Ich tat es ihr nach und bemerkte erst jetzt das Büschel hellblonder Haare, dass ich unbewusst aus meiner Hosentasche geholt hatte, ein ziemlich großes Büschel, das ganz zerfranst aussah. Ich betrachtete sie genauer. Einzelne Bilder zuckten durch meinen Kopf wie Blitze. Der lachende Moritz, der einen Kopf kleiner war als ich. Moritz unter der Wasseroberfläche, sich wehrend und strampelnd. Ein wohliges Gefühl durchströmte mich. Moritz würde sich nun nie wieder über meine pechschwarzen Haare lustig machen, besonders nicht mit einer kahlen Stelle am Kopf.
19.10.14 23:28


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