Kurzgeschichten für und gegen graue Herbsttage
 



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Feuer

Auf dem Fenstersims sitzend beobachtete sie, wie der Schnee in zarten Flocken zur Erde rieselte, ganz sachte. Als Kind hatte sie sich immer gefragt, wie es wohl wäre, eine Schneeflocke zu sein, doch solch großartige Gedanken kamen ihr schon lange nicht mehr in den Sinn. Mittlerweile fand sie sich damit ab, resignierte. Nach abertausenden verzweifelten Versuchen, Dinge zu ändern, die sie nicht ändern konnte, hatte sie aufgegeben und war seither nur noch Beobachterin, nicht mehr. Sie schlief überdurchschnittlich viel und aß unterdurchschnittlich wenig. Nicht etwa, weil sie sich um ihre Figur sorgte - sie hatte schon vor langer Zeit begriffen, dass die äußere Erscheinung nicht alles war -, sie vergaß es schlichtweg. Würde er sie nicht daran erinnern, würde sie wohl gar nichts mehr zu sich nehmen. Sie war dünn geworden, das wusste sie. Ihr Körper hatte nun die Kindlichkeit an sich, die ihr damals geraubt wurde, schmal und zierlich, obwohl sich ihr Busen noch immer unter ihrem dicken Pullover andeutete. Trotz ihrer Leichtigkeit fühlte sie sich meist schwer wie Blei, weshalb es sie große Mühe kostete, ein Stück, und sei es auch nur ein Kleines, zu laufen. Ihr rotes Haar wickelte sie sich meist um die Hand, sodass sie es fest im Griff hatte. Ihr Blick aus den grauen Augen war müde und leer. Er trat zur Tür herein und sah sie da sitzen, wie jeden Tag, wenn sie nicht gerade schlief. Vorsichtig trat er an sie heran und legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. Sie fühlte sich knochig an und manchmal fragte er sich, ob man sie ohne ihre leuchtend roten Haare überhaupt noch sehen würde. Sie drehte sich zu ihm um und lächelte ihn an, doch es war ein freudloses, müdes Lächeln, das konnte er sehen. Sie hatte keine Kraft mehr, ihm etwas vorzuspielen. Er reichte ihr eine Schüssel mit warmer Suppe und sie aß ohne Widerstand, schaute dabei jedoch wieder stumm aus dem Fenster. Früher war sie anders, dachte er. Er erinnerte sich an ihre Lebensfreude, die durch ihre blasse Haut strahlte. Wie sie ihn manchmal bei der Hand nahm und mit ihm tanzte zu einer unbekannten Melodie in ihrem Kopf. Nun war sie nur noch ein Schatten ihrer selbst, und nur ihr rotes Haar erinnerte noch an die Frau, die sie einst war. Er traute sich nicht mehr, mit ihr zu schlafen. Eine Zeit lang hatte sie ihm den Gefallen getan, weil sie ihn nicht kränken wollte, doch sie blieb währenddessen regungslos, die Gedanken in einem anderen Universum gefangen, so schien es. Schon damals fühlte er sich scheußlich dabei und entschied schließlich, dass er ihr dies nie mehr zumuten wollte, es sei denn, sie bat darum. Doch er glaubte nicht mehr wirklich daran, dass ihre Leidenschaft eines Tages zurückkehren würde. Er versuchte, mit ihr zu reden, das merkte sie, doch sie konnte sich nicht auf seine Worte konzentrieren. Was für einen Unterschied würde es schon machen? Sie sah ihn an und lächelte, während er sprach, doch sie hörte nicht, was er sagte. Und immer wieder hallten die Worte der alten Frau in ihrem Kopf wider. "VERSCHWINDE, VERSCHWINDE, DU WERTLOSES STÜCK SCHEIßE!" Und das tat sie, so gut sie konnte bemühte sie sich, zu verschwinden. Und sie hatte das Gefühl, bald würde es ihr gelingen. Er wusste, dass sie ihm nicht zugehört hatte, doch er ließ sich nichts anmerken. Er nahm ihre kalte Hand und drückte sie. Wie oft hatte er sich schon gesagt, er könne es nicht mehr, es sei ihm zu viel. Und doch brachte er es nicht über's Herz, sie zu verlassen. Er verabscheute sich dafür, auch nur daran zu denken. Bei Zeiten war er wütend auf sie, dass sie nicht sah, was er in ihr sah. Dass sie sich aufgab und es ihm, wenn auch nicht beabsichtigt, zur Aufgabe machte, sie am Leben zu halten. Aber er würde sie nicht aufgeben, denn er wollte seine Frau nicht verlieren, nicht so. Manchmal sah er einen Funken in ihr aufleuchten, klein, aber dennoch sehr stark. Es waren die kurzen Momente, in denen sie ihn wieder wahrnahm, seine Hand zurückdrückte, ihm auf eine simple Frage antwortete oder nachts, während sie schlief, seinen Namen murmelte und sich in seine Richtung drehte. In diesen Momenten wusste er, dass es sie noch gab, dass das Feuer in ihr noch nicht endgültig erloschen war.
19.10.14 23:29


Der Tag, an dem das Bushaltestellenhäuschen blau gestrichen wurde

Seit ich denken konnte, war das Bushaltestellenhäuschen, das unserem Haus direkt gegenüber stand, rot. Niemals hatte jemand gefragt, warum das so ist. Es war eine Gegebenheit, eine Selbstverständlichkeit, es bedurfte keinerlei Erläuterung. Umso schockierender war es für mich, was ich heute beobachten musste: Ein älterer Herr machte sich an die Arbeit und strich das rote Bushaltestellenhäuschen dunkelblau. Zunächst achtete ich nicht weiter darauf, da mir nicht klar war, was das werden sollte. Doch einige Stunden später, als ich meinen Großeinkauf auf meinen Armen balancierend ins Haus bugsierte, war der Streicher immer noch da und ging hingebungsvoll seiner Arbeit nach. Nun wurde ich stutzig. Was trieb ihn plötzlich dazu, das Häuschen, das schon immer rot gewesen war, einfach blau zu streichen? Eine Anordnung von oben? Oder ein persönlicher Wunsch nach Veränderung? So oder so, es stellte einen Störfaktor für mich dar, eine Bedrohung geradezu. Und so saß ich am Fenster, löffelte aus Frust Schokoladeneis direkt aus der Packung und beobachtete den Mann, der meinen inneren Frieden störte. Ironischerweise lief gerade "Every breath you take" im Radio und so ging ich peinlich berührt meinen Pflichten nach, anstatt weiterhin aus dem Fenster zu gaffen wie ein besessener Stalker. Dennoch warf ich jedes Mal einen Blick auf das Geschehen, wenn ich an besagtem Fenster vorbeilief. Es ließ mir einfach keine Ruhe. Schließlich entschloss ich mich dazu, den Übeltäter zur Rede zu stellen. Ich trat aus der Haustür, überquerte schnellen Schrittes die Straße und setzte, nicht ganz so selbstsicher wie geplant, an: "Äh ... hallo! Was machen Sie da?" Ich verpasste mir im Geiste eine Backpfeife für diesen eher schwachen Auftritt. Der Mann jedoch überhörte meine Frage, ob beabsichtigt oder durch Schwerhörigkeit verursacht, vermochte ich nicht zu sagen. "Ich will Sie gar nicht bei Ihrer Arbeit stören," – wollte ich doch – "aber ich frage mich, warum Sie das Haus hier blau streichen. Es war doch immer rot", versuchte ich es nochmal. Der Herr bedachte mich mit einem Blick, als stelle er meine geistige Gesundheit infrage. Ich sah ihm noch eine Weile zu, wie er immer wieder den Pinsel in die blaue Farbe tauchte und sorgfältig strich, keinen einzigen Fleck auslassend. Schließlich gab ich es auf und kehrte ins Haus zurück. Wahrscheinlich war der Grund für die Umlackierung gar nicht so spektakulär, wie ich es mir vorstellte. Und selbst wenn es so war und der Mann womöglich Teil einer Verschwörung war, was ging es mich an? Und noch viel wichtiger: Warum sollte ich etwas dagegen tun? Manchmal musste man die Dinge wohl einfach geschehen lassen. Ich sah mir nochmal das Bushaltestellenhäuschen an. Blau sah irgendwie schon ästhetischer aus als rot, gestand ich mir ein.
19.10.14 23:29


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